Stuttgarter Theaterpreis 2010

Die Gewinner und Preise im Überblick:

Stuttgarter Theaterpreis für die beste Produktion in Höhe von € 6.000 – gestiftet von der Landeshauptstadt Stuttgart, überreicht von Susanne Laugwitz-Aulbach, Kulturamt Stuttgart für Fabian Chyle COAC, Stuttgart mit Re-Inventing Nijinsky
Aus der Begründung der Jury:
„Fabian Chyle ist mit seiner Neu- oder Wieder- oder Weitererfindung der Person Vaslav Nijinskys eine großartige Gesamtinszenierung gelungen. Er kombiniert auf geschickte und originelle Weise eine Vielfalt von Elementen auf die Bühne und gibt jeder von ihr den passenden Raum, ohne die Sinne zu überfüttern. Hier spielt die Ebene des Hörens eine wichtige Rolle, die mit Geräuschen, Sprache und Musik arbeitet und Verschiebungen, Verstörung, Bedrängung erfahrbar macht, ebenso der Einsatz filmischer Mittel wie Live-Kamera und Animation, theatralische Komponenten wie Masken und Spielzeugfiguren und der Übergriff auf‘s Publikum sowie die Konzeption des Raumes und des Lichts. Fabian Chyle bespielt den Raum im Raum, den Wohnwagen, wie ein Ich-Gehäuse. Geborgenheit, Reise, Verletzlichkeit drückt das aus, das Innere wird nach außen gestülpt. Chyle wirft sich als Darsteller selbst ins Gefecht und gewinnt es, indem er sowohl die Kraft als auch die Brüchigkeit dieser Existenz verkörpert und sie auf diese Weise ins Heutige übersetzt. Der dramaturgische Bogen wandert auf perfekte Weise vom Leichtfüßigen bis hin zum bedrückenden Zustand eines Menschen, der den roten Teppich unter seinen Füßen verloren hat und dem das Licht davonläuft.


Sonderpreis für eine herausragende Regie-Leistung in Höhe von € 4.000 – gestiftet von der Staatlichen Toto-Lotto GmbH Baden-Württemberg, überreicht von Dr. Regine Koch-Scheinpflug für Katja Erdmann-Rajski, Stuttgart mit C-------H. Jandls Zunge
Aus der Begründung der Jury:
„In diesem Jahr hat sich die Jury entschieden, statt des Preises für eine herausragende choreographische Leistung eine Auszeichnung für Regie zu vergeben, da sich die Vielzahl der Produktionen nicht nur dem reinen Tanz verschrieben haben. In Jandls Zunge gelingt es Katja Erdmann-Rajski, die späten Gedichte des österreichischen Lyrikers Ernst Jandl mit den Mitteln des Tanzes neu zu interpretieren. Dazu bedient sie sich so verschiedener wie einfacher Elemente. Es genügen zwei Darsteller, zwei Tische, zwei Stühle und ein Papierhaufen, um eine Geschichte zu erzählen. Die Geschichte eines alternden Dichters, der nachdenklich am Schreibtisch sein Leben Revue passieren lässt und sich seiner Vergänglichkeit bewusst wird. Das gesprochene Wort und die Choreographie gehen dabei scheinbar mühelos ineinander über. Die im Sprechen des großartigen Schauspielers Bernd Lindner beschworene Hinfälligkeit des Körpers wird durch die leichtfüßige Beweglichkeit des Tänzers Boris Nahalka konterkariert. Tanz und Sprache verschmelzen zu einem theatralischen Ereignis. Dazu zählt wesentlich der sehr bewusste Einsatz von Musik, die eine dichte Atmosphäre erzeugt. Die immer mehr aufkommende Todesnähe wird regelmäßig durch den Witz im Bewegungsvokabular gebrochen. Selbst die Schwere der Arien aus Bachs Matthäus-Passion bleibt so nicht als das letzte Wort im Raum stehen. Gerade im Wechsel zwischen Ernst und Leichtigkeit entsteht durch das ganze Stück hindurch ein belebender Spannungsbogen. Katja Erdmann-Rajski setzt mit Jandls Zunge dem Dichter ein ganz besonderes Denkmal: Im Medium Tanz öffnet sie seiner Lyrik eine neue Wahrnehmung.

Publikumspreis in Höhe von € 3.000 – gestiftet von der Kulturgemeinschaft Stuttgart, überreicht durch Peter Jakobeit
für Fabian Chyle COAC, Stuttgart mit Re-Inventing Nijinsky

Sonderpreis für die beste tänzerische Leistung in Höhe von € 2.000 – gestiftet von der Buchhandlung Wittwer, überreicht in Vertretung durch Melanie Suchy
für Katharina Wiedenhofer in My Road Movies von Iris Tenge, Mannheim
Aus der Begründung der Jury:
„Der Preis für die beste tänzerische Leistung geht an Katharina Wiedenhofer, die am Donnerstag in der Produktion MY ROADMOVIES von Iris Tenge zu erleben war. Sie überzeugte die Jury durch ihre intensive Präsenz während der gesamten 1,5 Stunden. Ihre Interpretation des choreografischen Materials belebt sie mit ihrer Fähigkeit, Bewegung Bedeutung zu verleihen und sich innerhalb des Gesamtgefüges eines Ensembles nicht eitel nach vorn zu spielen und dabei ihre Qualitäten trotzdem nicht zurück zu nehmen.
Zu diesen Qualitäten gehört ihre Musikalität, die flüssigen, dynamischen Wechsel, ihre Ausdrucksstärke ohne theatralische Übertreibung.“

Zu den Bildern der Preisverleihung

Die Jury:
Dieter Heitkamp, Professor für Zeitgenössischen Tanz an der Frankfurter Hochschule für Musik und Darstellende Kunst
Rüdiger Meyke, Theaterreferent, Kulturamt Stuttgart
Katajun Peer-Diamond, freie Regisseurin und Ballettdramaturgin Stuttgart
Bettina Schulte, Kulturredakteurin Badische Zeitung
Melanie Suchy, freie Tanzjournalistin Frankfurt/Düsseldorf

Die nominierten Produktionen:
HeadFeedHands, Freiburg, mit FISCHEN OHNE HELM
Nicki Liszta, backsteinhaus produktion, Stuttgart, mit AV@TAR
Iris Tenge, Mannheim, mit MY ROAD MOVIES
Fabian Chyle COAC, Stuttgart, mit Re-Inventing Nijinsky
urbanReflects, Freiburg, mit unrestricted exploitation
Katja Erdmann-Rajski, Stuttgart, mit C------H. Jandls Zunge
Nina Kurzeja, Stuttgart, mit Aeneas Entscheidung

Das Vorauswahl-Kuratorium:
Claudia Gass, Tanzjournalistin, Stuttgart
Laila Koller, Leitungsteam E-WERK Freiburg
Eva Wagner, Dramaturgin und Managerin Kevin O’Day Ballett Nationaltheater Mannheim



Mehr Informationen unter www.theaterhaus.com, www.stuttgarter-theaterpreis.de
Das Theaterhaus Stuttgart wird gefördert von der Mercedes-Benz Bank.

Pressekontakt Theaterhaus:
Nicola Steller, steller@freie-pr.de, Tel. 07156-350616
Antje Mohrmann, antje.mohrmann@theaterhaus.com, Tel. 0711-40207-33