Literatur im Foyer

1. Thea Dorn im Gespräch mit Vea Kaiser und dem Literaturkritiker Denis Scheck
2. Thea Dorn im Gespräch mmit Alain Claude Sulzer und Jenny Erpenbeck

Alain Claude Sulzer: Aus den Fugen

Er wird immer besser, lautet fast einmütig das Urteil der Kritik über den Schweizer Schriftsteller Alain Claude Sulzer.

Hat er im letzten Roman "Zur falschen Zeit" die Suche eines Sohnes nach seinem verlorenen Vater als eine wachsende Beunruhigung gestaltet, so nimmt er sich im neuen Buch "Aus den Fugen" einem ganzen Ensemble von Figuren an, dem er in großer Virtuosität den Boden unter den Füßen entzieht. Alles scheint zu passen in dieser Welt der Reichen und Schönen und ihrer dienenden Anhängsel: Am Abend steht es auf dem Programm, das Konzert des großen Pianisten Marek Olsberg mit Beethovens Hammerklaviersonate, die mit einer Fuge endet. Aber genau die wird nicht bis zum Schluss gespielt. Der Pianist klappt den Deckel zu und verkündet: „Das war´s".

Mit diesem fehlenden Schlussstein stürzt das ganze Gebäude der Konventionen, Verhältnisse, Beziehungen ein. Sulzer versteht es meisterhaft, zu entlarven, ohne zu denunzieren. Hinter dem Schein lauern bedauerliche Menschen.


Jenny Erpenbeck: Aller Tage Abend

Mit "Heimsuchung" war Jenny Erpenbeck zuletzt Gast in "Literatur im Foyer". Sie erzählte die Geschichte eines Hauses und seiner Bewohner über nahezu ein Jahrhundert.

Im neuen Roman geht es wieder um das 20. Jahrhundert, ein Jahrhundert von katastrophischer Dichte, das in "Aller Tage Abend" im Zeichen des Todes beginnt. Ein Kind wird begraben, kaum dass es auf der Welt ist. Mit ihm stirbt eine mögliche Lebensgeschichte.
Aber Jenny Erpenbeck findet sich mit diesem Verlust nicht ab. Sie erfindet neue Biographien, das Mädchen lebt als junge Frau in Wien nach dem Ersten Weltkrieg, es lebt erwachsen im Moskau der Schauprozesse, schon älter Anfang der sechziger Jahre in Ost-Berlin, dann als Hochbetagte 1989 während und nach der Wende im wiedervereinigten Deutschland: Fünf Leben, aber keines führt von einem zum anderen, jedes endet mit dem Tod.