ULTIMO VOLO - Der letzte Flug

Im Gedenken an die Tragödie von Ustica


Pippo Pollina (Gesang, Klavier, Gitarre)
Palermo Acoustic Quartet: Gaspare Palazollo (Saxofon), Luca Lo Bianco (Kontrabass), Walter Keiser (Percussion), Jean-Pierre von Dach (Gitarre)
Mitglieder des Radiosinfonieorchesters Stuttgart des SWR
Willy Honegger (Musikalische Leitung)
Rezitation: Anne Osterloh, Günter Brombacher, Holger Kraft (Schauspielensemble Theaterhaus)
Sprechtexte in deutscher, Liedtexte in italienischer Sprache


Hintergrund: Die Tragödie von Ustica
Am Abend des 27. Juni 1980 reißt ein Flugzeugabsturz vor der Küste Siziliens 81 Menschen in den Tod – darunter 30 Kinder. Die schleppenden Ermittlungen bieten in der Folge viel Stoff für Hypothesen und Verschwörungstheorien: Radaraufzeichnungen der Unglücksnacht fehlen; das italienische Militär sowie die Nato-Partner USA, Frankreich und Großbritannien verweigern die Zusammenarbeit – und wichtige Zeugen sterben, zuletzt zwei Piloten, die als Mitglieder der italienischen Kunstflugstaffel Frecce Tricolori 1988 die Katastrophe von Ramstein auslösten. Wenige Tage später wollten sie vor einem italienischen Untersuchungsausschuss aussagen. Letztlich ist der Unglückshergang bis heute nicht geklärt. Dennoch wird im Januar 2007 der Fall juristisch abgeschlossen. Doch 2008 bringt eine Aussage des ehemaligen Staatschefs Francesco Cossiga die Ermittlungen erneut in Gang: Die Maschine sei von französischen Jagdfliegern abgeschossen worden, deren Ziel das Flugzeug mit dem lybischen Staatschef und Revolutionsführer Muammar el Gaddafi an Bord war, das auf seinem Weg nach Warschau jedoch überraschend nach Malta abdrehte – laut Cossiga, weil Gaddafi vom italienischen Geheimdienst gewarnt wurde. Eine tragische Verwechslung.


Ein Stück Trauerarbeit: Pippo Pollinas “Ultimo volo – Der letzte Flug”
Die Angehörigen der Ustica-Opfer kämpfen bis heute um die vollständige Aufklärung der Katastrophe. Allein sieben Jahre kämpfen sie, bis das Wrack 1987 aus dem Meer geborgen wird. Heute steht es im Museo per la memoria della strage di Ustica in Bologna – dort, wo der verhängnisvolle Flug damals startete. Zur Eröffnung des Museums am 27. Juni 2007 beauftragen die Hinterbliebenen den sizilianischen Liedermacher Pippo Pollina mit einer Komposition über die Tragödie: Ultimo volo – Der letzte Flug. Der umjubelten Premiere in Bologna folgen Aufführungen in Rom, Palermo und Zürich. Jetzt ist das Stück endlich auch in Stuttgart zu sehen.


Seit vielen Jahren steht Pippo Pollina mit seinen politischen, gesellschaftskritischen Songs beherzt für Freiheit, Frieden und Menschenrechte ein. Er ist aber auch ein Meister poetischer Balladen und gefühlvoller Arrangements – ein echter Cantautore (italienisch für Liedermacher, Singer-Songwriter). Das Unglück von Ustica ist ihm ein ganz persönliches Anliegen: Ein Freund von ihm war damals an Bord. Und für Pollina steht außer Frage, “dass in dieser Nacht eine Kriegsaktion stattfand. Mitten im Frieden.”


Sein Bühnenwerk nennt Songpoet Pollina im Untertitel Orazione civile – eine Kombination aus orazione (Gebet, Andacht) und azione civile (Zivilklage). Im Zentrum des 80-minütigen Stücks steht das Flugzeug selbst, das in poetischen Worten seine Geschichte erzählt – vom unbeschwerten Fliegen über den tragischen Sturz und die Jahre auf dem Meeresgrund bis zu seiner letzten Reise ins Museo per la Memoria in Bologna. Das Flugzeug reflektiert die Gefühle der Hinterbliebenen, für die das Wrack “viel mehr ist als nur das Symbol unseres jahrzehntelangen Kampfes”, sagt Daria Bonfietti, die Leiterin des Ustica-Museums und Vorsitzende der Hinterbliebenen. Das Flugzeug ist der Ort, an dem der letzte Blick unserer Lieben haften geblieben ist.” Pippo Pollina hat ihm eine Stimme gegeben.


Ultimo volo ist ein Stück Trauerarbeit, ein Plädoyer gegen das Vergessen – und für die Wahrheit. Ein nachdenkliches, bewegendes Oratorium für drei Sprecher, 23-köpfiges Streichorchester, das Palermo Acoustic Quartet und natürlich Pippo Pollina selbst, den unvergleichlichen Interpreten seiner Songs. Dass sowohl Daria Bonfietti als auch das Ehepaar Hartmut und Sybille Jatzko, Betreuer der Nachsorgegruppe von Ramstein, sowie Überlebende und Hinterbliebene der Ramstein-Katastrophe zur Deutschlandpremiere nach Stuttgart kommen, zeigt die Brisanz des Themas für alle Beteiligten – auch nach rund 30 (Ustica) bzw. 20 (Ramstein) Jahren. In diesem Sinne ist Ultimo volo auch mehr als ein Stück nur über Ustica: eine viel weiter reichende poetisch-musikalische Reflexion über Trauer und Schmerz, aber auch Trost und Hoffnung nach einem Unglück, Terroranschlag oder Amoklauf.


In Zusammenarbeit mit dem Bürgerprojekt Die AnStifter, Initiatoren des Stuttgarter Friedenspreises, für den Pippo Pollina 2008 nominiert wurde.