Derya Türkmen: Meine Meinung
Die CDU spricht von „Lifestyle-Teilzeit“. Vor allem aus Teilen der Partei wird derzeit suggeriert, wer nicht Vollzeit arbeitet, entscheide sich bewusst für Bequemlichkeit – und gegen Leistung. Teilzeit erscheint in dieser Erzählung nicht als Reaktion auf Arbeitsbedingungen, sondern als individuelle Haltung. Als Frage des Wollens, nicht des Könnens.
Diese Vorstellung hat wenig mit der Realität vieler Menschen zu tun. Denn Arbeitszeit ist selten frei gewählt, sondern Ergebnis von Strukturen, Branchenlogiken und Absicherungsmöglichkeiten. Ich arbeite Teilzeit. Und ich kann froh sein, überhaupt eine irgendeine Festanstellung zu haben, die meine Krankenversicherung zahlt. In der Kultur- und Medienbranche ist das nämlich keine Selbstverständlichkeit. Dort ist es eher üblich, frei zu arbeiten: projektbasiert, befristet, ohne Absicherung. Teilzeit also ist hier kein Luxusmodell, sondern oft der einzige Weg, überhaupt sich absichern zu können.
In einer Branche, in der auch seit Jahren gekürzt wird. Das hat zu Folge, dass nicht nur die Erwartungen sinken, sondern auch die Honorare: Projekte werden kleiner, Budgets enger, Arbeitszeiten diffuser. Die Arbeit verschwindet nicht, sie wird nur schlechter bezahlt. Genau deshalb ist meine sogenannte freie Zeit kein Lifestyle und keine Freiheit, sondern Unsicherheit. Sie ist die Zeit, in der ich als Freelancerin arbeite, um finanzielle Lücken zu schließen – mit zusätzlichen Aufträgen, Rechnungen, Akquise. Oft arbeite ich insgesamt mehr als 40 Stunden pro Woche, nur verteilt auf verschiedene Verträge.
Meine Tante hat zwei Teilzeitjobs: im Kindergarten und in einem Restaurant. Zwei Jobs, damit nicht nur Miete und Lebensmittel bezahlt werden können, sondern auch Strom, Tickets, Versicherungen, alles, was sonst noch anfällt. Sie ist damit nicht die Ausnahme, sondern eine von vielen.
Wenn die CDU also von „Lifestyle-Teilzeit“ spricht, zeigt das vor allem eines: wie ökonomische Interessen konsequent als moralische Fragen verhandelt werden. Es geht nicht um individuelle Lebensstile, sondern um wirtschaftliches Wachstum – und darum, wer die Kosten dafür trägt. Mehr Arbeit soll Wettbewerbsfähigkeit sichern, den Standort stabilisieren. Ausgetragen wird das auf den Schultern derjenigen, die ohnehin schon arbeiten – oft mehr, als gesund ist.
Das betrifft nicht nur Migrantinnen und Migranten. Prekäre Arbeit ist kein exklusives Problem, das muss klar gesagt werden. Aber es macht einen Unterschied, wie Teilzeit gelesen wird. Ich habe Sätze gehört wie: „Oh, du kannst es dir also leisten, Teilzeit zu arbeiten.“ In solchen Momenten wird Teilzeit nicht als strukturelle Notwendigkeit verstanden, sondern als Charakterfrage.
Ich kann nur für mich sprechen, aber ich weiß, wie schnell Arbeit moralisiert wird. Wie schnell aus Unsicherheit ein persönlicher Vorwurf wird. Während andere erklären dürfen, wie sie leben wollen, muss ich erklären, dass ich trotzdem arbeite. Dass ich nicht weniger leiste. Dass Teilzeit kein Zeichen von Bequemlichkeit ist.
So verschiebt die Rede von „Lifestyle-Teilzeit“ den Blick weg von materiellen Bedingungen und hin zu individuellen Schuldzuweisungen. Für mich ist Teilzeit also kein Luxus. Sie ist ein fragiler Zustand zwischen Absicherung und permanenter Sorge. Die eigentliche Frage ist nicht, warum Menschen weniger arbeiten, sondern warum so viele trotz harter Arbeit ständig beweisen müssen, dass sie genug tun.
[Erschienen im Theaterhaus Programmheft März 2026]
