Derya Türkmen: Meine Meinung
Während einer Recherche in Berlin zum Thema „Ausländer für Deutschland“ habe ich mich mit vielen verschiedenen Menschen unterhalten. Einer von ihnen war Harun. Ein Mann mit Migrationsgeschichte — und AfD-Wähler. Erst irritiert mich das. Dann beschäftigt es mich. Und irgendwann merke ich: Vielleicht verstehen wir dieses Land gerade deshalb so schlecht, weil wir politische Wirklichkeit immer noch in Gut und Böse einteilen wollen.
Viele progressive Menschen glauben, Migration sei automatisch ein Schutzschild gegen rechte Politik. Doch genau das erleben wir gerade nicht. Nicht nur in Stuttgart. Auch in kleinen Städten im Westen Deutschlands, in NRW, in Rheinland-Pfalz oder Hessen, wo die AfD inzwischen teils über 20 Prozent erreicht. Gerade dort, wo Arbeiterfamilien, soziale Unsicherheit und migrantische Lebensrealitäten aufeinandertreffen.
Was die AfD dabei geschickt versteht: Sie teilt Menschen nicht einfach nur in links und rechts. Sondern in gute und schlechte Bürger. In nützliche und unnützliche. In integrierte und nicht integrierte Migranten.
Ja, die AfD spricht von Remigration. Aber gleichzeitig sendet sie vielen Menschen wie Harun oder Mehmet eine andere Botschaft: Wenn du arbeitest, Steuern zahlst, nicht auffällst und „funktionierst“, dann bist nicht du gemeint. Der Finger zeigt auf die syrischen Flüchtlinge, auf die sichtbar Armen, auf jene, die als Belastung markiert werden.
Und genau dort beginnt eine gefährliche Konkurrenz.
Denn plötzlich geht es nicht mehr nur um deutsch oder nicht deutsch. Sondern darum, wer der bessere Migrant ist. Wer der bessere Muslim. Wer besser integriert ist. Wer mehr leistet. Viele migrantisch gelesene Menschen versuchen deshalb, sich bewusst von Geflüchteten abzugrenzen — aus Angst, selbst mit ihnen in einen Topf geworfen zu werden.
Vielleicht liegt darin die eigentliche Stärke der AfD: Sie schafft es, Menschen gegeneinander auszuspielen, die eigentlich ähnliche Sorgen haben.
Dazu kommt die allgemeine Erschöpfung in diesem Land. Hohe Mieten. Überforderte Schulen. Unsicherheit. Das Gefühl, dass vieles nicht mehr geregelt funktioniert. Gerade Menschen, die sozial unter Druck stehen, denken selten zuerst ideologisch. Progressiv zu sein ist manchmal auch ein Luxus. Vor allem dann, wenn man Angst vor dem sozialen Abstieg hat.
Und vielleicht unterschätzt das akademische, urbane Milieu bis heute, wie konservativ viele migrantische Lebenswelten tatsächlich geprägt sind. Familie, Ordnung, Leistung, Sicherheit — das sind oft zentrale Werte. Die Grünen sprechen die Sprache der urbanen Akademiker. Die AfD spricht die Sprache der Wut und des Kontrollverlustes.
Auch ich verstehe dieses Phänomen nicht sofort auf den ersten Blick. Vielleicht, weil wir immer noch glauben wollen, dass Herkunft automatisch Solidarität erzeugt. Aber Menschen wählen selten nach Moral. Sie wählen nach Angst, Anerkennung, Zugehörigkeit — und manchmal einfach nach dem Gefühl, wenigstens nicht ganz unten zu stehen.
