Derya Türkmen: Meine Meinung
Wir haben mehr Zukunft, als unsere Sorgen uns signalisieren.“ Über diesen Satz musste ich länger nachdenken.
Denn eigentlich erlebe ich gerade eher das Gegenteil. Es ist fast egal, mit wem ich spreche – Freundinnen, Bekannte, Fremde. Irgendwann geht es um die Zukunft. Und meistens darum, wie ungewiss sie ist und was alles schlechter werden könnte.
Geld. Arbeit. Wohnung. Kinder. Bildung. Kultur. Die Sorge, sich das eigene Leben in ein paar Jahren nicht mehr so leisten zu können wie heute.
Vor ein paar Wochen saß ich mit einer Freundin zusammen. Sie hat gerade ein Baby bekommen. Ich fragte sie, ob sie manchmal Angst um die Zukunft ihres Kindes habe. Ob es sich überhaupt nach einem guten Zeitpunkt anfühle, ein Kind zu bekommen. Gefühlt reden wir schließlich jeden zweiten Tag darüber, dass übermorgen der nächste Krieg ausbricht, Wohnungen unbezahlbar werden und sowieso alles den Bach runtergeht.
Sie schaute mich ziemlich gelassen an und sagte: „Ich habe letztens gelesen, dass es uns eigentlich viel besser geht als noch vor zehn Jahren.“
Meine Reaktion: lautes Lachen. Mein erster Gedanke: Niemals. Und ein Zucken im Auge.
Es fühlt sich jedenfalls nicht so an. Und ich denke, genau das ist der Punkt.
Denn vieles ist real. Kultur wird gekürzt – das bekomme ich selbst zu spüren. Mieten steigen. Schulen verfallen. Die Schere zwischen Arm und Reich wird größer. Das lässt sich nicht mit positivem Denken wegmeditieren.
Aber Sorge entsteht nicht nur aus dem, was bereits verloren ist. Sie entsteht auch aus dem, was verloren gehen könnte. Vielleicht ist es genau das, was die sogenannte Mitte so nervös macht. Viele Menschen sind nicht arm. Aber sie haben das Gefühl, jederzeit etwas von dem verlieren zu können, was sie sich aufgebaut haben. Den Job. Den Wohlstand. Die Wohnung. Die Sicherheit. Vor allem die Gewissheit, dass morgen ungefähr so aussieht wie heute.
Und Zukunft ist das Gegenteil davon. Zukunft ist ungewiss. Wir wissen nicht, was sie bringt. Also sorgen wir uns um das, was wir nicht kennen, nicht planen und nicht kontrollieren können.
Wir reden darüber, dass „wir“ uns etwas nicht mehr leisten können. Dass „kein Geld da ist“. Dass gespart werden muss. Irgendwann klingen solche Sätze nicht mehr nach politischen Entscheidungen, sondern nach Naturgesetzen. Dabei fehlt das Geld nicht einfach so. Es ist ganz einfach verteilt.
Und genau da beginnt für mich der eigentliche Widerspruch: Während die einen darum bangen, ihren bescheidenen Wohlstand zu verlieren, wächst an anderer Stelle Vermögen weiter. Während bei Kultur, Bildung und Sozialem über Kürzungen gesprochen wird, erscheint die Verteilung von Besitz und Reichtum erstaunlich oft als unveränderbar.
Dabei ist diese Verteilung alles andere als unveränderbar. Friedrich Merz und die CDU lehnen eine Vermögensteuer ab. Ihre Begründung: Wer sich etwas aufgebaut hat, soll dafür nicht „bestraft“ werden. Der Reichtum des Einzelnen gilt fast als unantastbar.
Sorge macht den Blick eng. Dann verteidigen wir, was wir haben, klammern uns an Sicherheit und Ordnung – statt zu fragen, welche Verhältnisse uns überhaupt so unsicher machen.
Wir sollten uns öfter daran erinnern, wer dieses Land am Laufen hält: die, die pflegen, unterrichten, bauen, fahren, erziehen, putzen, forschen, Kunst machen. In ihnen steckt nicht nur die Arbeit, die dieses Land trägt, sondern auch die Kraft, es zu verändern.
Zukunft heißt deshalb nicht zurück zu irgendwelchen „deutschen Tugenden“, von denen sowieso niemand so genau weiß, was sie eigentlich sein sollen. Sondern nach vorn. Ins Offene. Mit mehr Zutrauen in uns selbst.
Und inzwischen gefällt mir dieser Satz immer mehr: „Wir haben mehr Zukunft, als unsere Sorgen uns signalisieren.“ Denn die Zukunft ist noch nicht entschieden. Genau deshalb lohnt es sich, um sie zu kämpfen.
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Derya Türkmen, lebt in Berlin und arbeitet als Journalistin bei der taz, Tageszeitung. Am liebsten schreibt sie über gesellschaftliche Themen und beschäftigt sich mit der türkischen Diaspora.
[Erschienen im Theaterhaus Programmheft November 2026]
