Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister, sehr geehrte Stadträtinnen und Stadträte unserer Stadt, liebe Kolleginnen und Kollegen aus der Verwaltung der Stadt Stuttgart, meine Damen und Herren,

gerne habe ich die Bürgermedaille angenommen. Sie steht ja schließlich in einem sehr verdienstvollen Umfeld. Zusammen mit meinem Kollegen und Freund Eric Gauthier ist diese Auszeichnung auch ein deutliches Zeichen in Richtung Kultur, in Richtung Kunst. Zwei Kulturschaffende werden ausgezeichnet!

Auf den ersten Blick könnte diese Botschaft ein Bekenntnis des großen Stellenwerts der Kultur in dieser Stadt sein! Nur, war da nicht neulich eine sehr spürbare finanzielle Kürzung aller Kultureinrichtungen dieser Stadt? Wie passt das zusammen?

Wenn die Absicht ist, dass mit der Ehrung gesagt werden soll, wir lassen Euch – trotz dem Wissen, dass es sich um freiwillige kommunale Leistungen handelt – nicht im Stich, wir sind uns der Bedeutung von Kultur und Kunst für eine demokratische Gemeinschaft bewusst und wollen sie – genauso bewusst – stärker machen, da wir wissen, dass in einer zukünftigen Dienstleistungsgesellschaft, die wir über kurz oder lang auch in dieser Region haben werden, der Faktor Kulturwirtschaft, der Faktor kreative Beschäftigung keine Girlande mehr sein kann, sondern existenzieller Schwerpunkt sein wird!! Dann wäre das ein bedeutendes Signal.

Meine Damen und Herren, weil wir nicht umhin kommen, diese Transformation anzuerkennen, wäre mein Wunsch als heute Geehrter: Denkt bitte konstruktiv und vorurteilsfrei über ein Moratorium nach! Und zwar bevor in absehbarer Zeit die ersten kulturellen Projekte und Einrichtungen von der Bildfläche verschwinden, weil finanzielle Einschnitte die Vielfalt zerstören. Das Moratorium würde allen Beteiligten Luft verschaffen, Zukünftiges wohlüberlegt in die Wege zu leiten. Ein Moratorium stellt zwar nicht den früheren Stand wieder her, aber geht auch gleichzeitig erstmal nicht weiter an die reduzierten Bestände der Kulturschaffenden ran. Der Faktor Zeit ist in einer solchen Situation ein guter Helfer und ein Moratorium kann auch als Wertschätzung gelesen werden.

Lieber Oberbürgermeister, liebe Stadträtinnen und Stadträte, geben Sie den Bereichen Kultur, Bildung und Soziales eine Atempause, denn diese drei Bereiche sind für eine gute Zukunft, für eine produktive Zukunft, von größter Bedeutung.

Unser Leben ohne sozialen Ausgleich, ohne Wissensvermittlung, ohne künstlerische Vielfalt, ist undenkbar, wäre stumpf, und letztlich unmenschlich. Ich weiß, keine Person hier im Raum will diese Situation, nicht mal provozierenderweise.

Und lieber Herr Nopper, helfen Sie uns in der Frage, angemessene Proberäume für unsere großartigen Tänzerinnen und Tänzer, Schauspielerinnen und Schauspieler herzustellen. Der Ergänzungsbau hinter dem Theaterhaus dürfte ja erstmal auf Eis liegen.

Abschließend will ich noch mitteilen, dass ich diese Bürgermedaille mit meiner verstorbenen Frau, Gudrun Schretzmeier, teile, da sie für das Gelingen dieser erfolgreichen Einrichtung Theaterhaus so viele unterschiedliche Impulse gegeben hat, die weit über ihren Tod hinaus diesem Haus Orientierung geben werden. Ich teile diese Bürgermedaille mit Peter Grohmann, der Dritte im Bunde der Gründer dieses Hauses. Ich teile meine Auszeichnung mit der gesamten Belegschaft des Hauses, mit allen Helferinnen und Helfern, die dieses Haus immer wieder so freundlich und freudvoll strahlen lassen. Ich teile die Ehrung mit allen Unterstützerinnen und Unterstützern, die dieses Haus immer wieder finanziell und ideell stützen und damit handlungsfähig halten. Und ich teile letztendlich diese Medaille mit meinen Kolleginnen und Kollegen der Solidargemeinschaft Stuttgarter Theater, der freien Tanz- und Theaterszene, sowie allen weiteren Kulturschaffenden dieser Stadt.

Je besser und stärker der kulturelle Standard dieser Stadt ist, desto besser und stärker ist diese Stadt als Gemeinwesen! Wir brauchen keine weitere Stadt, wir brauchen eine Stadt der Zuversicht!

Das wünsche ich mir als Geehrter.

Danke für Ihr Zuhören!