Peenemünde Compassion - Butoh-Tanz-Performance
Die Vorstellung wurde vom 23.5.2020 auf den 15.02.2021 und erneut auf den 12.09.21 verlegt! Die Karten behalten ihre Gültigkeit.

Peenemünde Compassion – Hoffnung?

Gibt es Hoffnung? Oder ist die Menschheit trotz aller Fortschritte gefangen in einer Spirale von Hass und Gewalt? Im zweiten Teil ihrer multimedialen Performance mit dem Butoh-Tänzer Seiji Tanaka suchen Sibylle Duhm-Arnaudov und Yasuko Kozaki  nach einem Ausweg aus dem Kreislauf der Zerstörung.

Peenemünde: Die Heeresversuchsanstalt gilt als die Wiege der Raumfahrt. Hunderttausende haben das Historisch-technische Museum im Kraftwerk der Anlage besucht, angezogen von der Faszination der Raketentechnik, die deren technischer Leiter, Wernher von Braun, später für die NASA bis zum Mondlandung weiter entwickelt hat. Aber Peenemünde bedeutete Technik im Dienste der Zerstörung. In die Enge getrieben, erhofften sich die Nationalsozialisten von der „Wunderwaffe“ einen Befreiungsschlag. Über 8000 Menschen fielen den Raketenangriffen zum Opfer, an die 20.000 KZ-Häftlinge und Zwangsarbeiter den unmenschlichen Arbeitsbedingungen bei der Produktion der Raketen. 

Der erste Teil der Butoh-Tanzperformance Peenemünde Compassion – Vernichtender Fortschritt ging aus von einer Ausstellung der Künstler Gregorio Iglesias Mayo und Miguel A. Aragon im Historisch-technischen Museum, dem authentischen Ort und größten Baudenkmal Mecklenburg-Vorpommerns, wo die Geschichte auf Schritt und Tritt zu spüren ist. In sechs Szenen ging die Tanzperformance dem Zyklus der Zerstörung nach: Homo ludens, der schöpferische Mensch, beginnt sich selbst zu überschätzen: die Hybris, der die Missachtung anderer bis hin zum Sadismus folgt; was bleibt ist Verzweiflung und die Frage: Was tun wir jetzt?

Der zweite Teil, Peenemünde Compassion – Hoffnung? durchschreitet noch einmal denselben Kreislauf auf der Suche nach einem Ausweg. Butoh, Kunstlied, Klavierimprovisation und großformatige Videoprojektionen verbinden Kontinente und Ausdrucksformen zu einer neuen Einheit. Butoh entstand in der Nachkriegszeit, ausgehend vom modernen Ausdruckstanz. Während aber der europäische Tanz aus der Zeit der Lebensreform nach Überwindung der Erdenschwere, zum Licht strebte, geht Butoh, entstanden nach den Atombombenabwürfen von Hiroshima und Nagasaki, den umgekehrten Weg. Er macht „die Schreie der Dinge im Dunkel des Körpers“ sichtbar, wie Volker Grassmuck schreibt.

Für Yasuko Kozaki geht es auch um das Reaktorunglück von Fukushima. „Japan ist das einzige Land, das die verheerenden Folgen der Atombombe erlebt hat“, sagt sie. Dennoch setzt das Land weiter auf Atomenergie, sogar noch nach der Reaktorkatastrophe. Wieder zeigt sich der verhängnisvolle Kreislauf, von den Errungenschaften der Wissenschaft zur Selbstüberschätzung bis hin zur Verzweiflung und der Frage: Was nun?

Yasuko Kozaki steht als Sängerin zwischen den Kontinenten, zwischen Japan und Deutschland. Die Lieder und Texte, die sie vorträgt, stammen aus beiden Ländern, aber auch aus dem Nahen und Mitteleren Osten. Eine neue Entwicklung bringt Pianist Noam Sivan ins Spiel. Er leitet an der Stuttgarter Musikhochschule den weltweit ersten Masterstudiengang für klassische Klavierimprovisation. Mit Yasuko Kozaki verlässt er die vorgegebenen Pfade, um in den Bereich des Offenen, Unvorhergesehenen zu gelangen.

Unter der Regie von Sibylle Duhm-Arnaudov durchlebt der Zuschauer, die Zuschauerin physisch den Zyklus von Forscherdrang und Zerstörung, ohne Gewissheit, dem Teufelskreis je zu entkommen. Am Ende heißt mit Cicero: Solange ich lebe, hoffe ich.