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                      Portraifoto Derya Türkmen

                      Derya Türkmen: Meine Meinung

                      Portraifoto Derya Türkmen

                      Manchmal vergesse ich, dass mein Onkel älter wird. Am Telefon klingt er immer gleich. Erst reden wir über die Arbeit. Dann über den Rücken. Dann darüber, dass alles teurer geworden ist. Irgendwann kommt die Politik.

                      Er arbeitet in einer Fabrik, in der Kekse hergestellt werden. Fließband. Schicht­dienst. Zwei Jobs, sagt er oft. Fast so, als müsse er jedes Mal beweisen, dass er sich seinen Platz hier verdient hat.

                      Neulich erzählt er mir von einem Kollegen aus Syrien. Seit zehn Jahren lebt der Mann in Deutschland. Er arbeitet als Leiharbeiter in derselben Fabrik. Der Schichtleiter habe ihn wegen seiner Arbeitsleistung angeschrien. Irgendwann sei der Satz gefallen: Ihr Flüchtlinge seid doch alle gleich. Dann habe der Schichtleiter mit dem Finger auf meinen Onkel gezeigt. „Oder hast du dir das von dem Türken hier abgeschaut?“

                      Mein Onkel erzählt mir die Geschichte voller Wut. Ich denke, weil der Schichtlei­ter ein Rassist ist. Aber dann sagt mein Onkel: „Ich bin doch gar kein Flüchtling. Ich bin hier geboren.“ Er sagt, er habe mit der Türkei nichts am Hut. Er fahre schon lange nicht mehr hin. Er sei Deutscher. Er arbeite. Er zahle Steuern. Er habe sogar zwei Jobs.

                      Dann sagt er: „Weißt du was? Die AfD hat schon recht. Die ganzen faulen Ausländer müssen raus. Wegen denen stehen wir immer blöd da.“ Ich sage erst einmal nichts. In diesem Moment wird mir klar, dass mein Onkel nicht mehr nur über die AfD spricht. Er spricht längst in ihrer Sprache.

                      Er sagt, die Remigrationspläne beträfen ihn nicht. Er habe schließlich einen deutschen Pass. Ich glaube, er irrt sich. Nicht nur, weil ein Pass Menschen nicht davor schützt, zur Zielscheibe einer Ideologie zu werden, die Herkunft über Zu­gehörigkeit stellt. Sondern weil die Remigration, von der die AfD spricht, nicht erst mit Abschiebungen beginnt. Sie beginnt viel früher. In den Köpfen. In Gesprächen wie diesem.

                      Mein Onkel hat sich entsolidarisiert. Von einem Kollegen, der neben ihm am Fließband steht. Von einem Mann, den derselbe Schichtleiter erniedrigt hat wie ihn. Und genau damit trägt er die Logik dieser Politik weiter. Er glaubt, sie werde zwischen ihm und seinem syrischen Kollegen unterscheiden.

                      Ich glaube, genau das ist ihr gefährlichstes Versprechen. Sie beginnt nie mit allen. Sie beginnt immer mit den anderen.

                      Der Schichtleiter hat an diesem Tag keinen Pass gesehen. Keine Steuererklärung. Keine Überstunden. Er hat einen Türken gesehen. Genau darin liegt die Gefahr.

                      Mein Onkel glaubt, er gehöre zu denen, die bleiben dürfen. Ich sehe einen Mann, der bereits angefangen hat, Menschen nach derselben Logik einzuteilen, die ihn selbst nie schützen wird.

                      Derya Türkmen, lebt in Berlin und arbeitet als Journalistin bei der taz, Tageszeitung. Am liebs­ten schreibt sie über gesellschaftliche Themen und beschäftigt sich mit der türkischen Diaspora.

                      [Erschienen im Theaterhaus Programmheft August / September 2026]

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