Derya Türkmen: Meine Meinung
Ich habe Angst. Das war das Gefühl, das mich an jenem Sonntag der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt begleitet hat. Eigentlich wusste ich, wie dieser Tag enden würde. Überraschend war das Ergebnis nicht. Und trotzdem hatte ich zwischendurch diese kleine, wahrscheinlich ziemlich naive Hoffnung: Vielleicht checken die Menschen in Sachsen-Anhalt doch noch, worum es hier geht.
Es geht nicht mehr darum, aus Trotz sein Kreuz irgendwo zu machen. Es geht auch nicht darum, „mal was Neues“ auszuprobieren. Wer in Sachsen-Anhalt AfD wählt, weiß inzwischen, was er wählt: einen Landesverband, den der Verfassungsschutz als gesichert rechtsextrem einstuft. Eine Partei, die eine „Abschiebe- und Remigrationsoffensive“ fordert. Remigration. Ein Wort, das fast harmlos klingt für etwas, das für Menschen wie mich eine ziemlich konkrete Frage aufwirft: Wie sicher ist mein Leben hier eigentlich noch?
Seit Sonntag fühlt sich meine Angst jedenfalls weniger abstrakt an. Und ich merke, dass ich Angst davor habe, meine Heimat zu verlieren. Meine Familie zu verlieren. Davor, dass Dinge, von denen wir gelernt haben, sie seien Geschichte, wieder denkbar werden. Ungewollterweise treffe ich immer wieder AfD-Wähler, die mir versichern, ich müsse mir keine Sorgen machen. Ich sei schließlich eine „gute Ausländerin“.
Erstens: Ich bin keine Ausländerin. Ich bin deutsch. Ich bin hier geboren und aufgewachsen. Mein Leben findet in Deutschland statt. Und Deutsch ist meine Sprache. Trotzdem werde ich immer wieder zu jemandem gemacht, dessen Zugehörigkeit offenbar erklärt werden muss.
Zweitens: Was soll das überhaupt sein, eine gute Ausländerin? Wer entscheidet, wer dazugehört und wer nicht? Wer die richtige Sprache spricht, sich richtig verhält, arbeitet, nicht auffällt? Und warum nehmen Menschen diese Einteilung hin, als wäre sie logisch und nicht das Ergebnis jahrelanger rechter Propaganda? Vielleicht macht mir genau das am meisten Angst. Wie selbstverständlich und normal diese Ideologie inzwischen im Alltag und auf unseren Straßen auftritt.
Ich überlege inzwischen fast jeden Tag, was man dagegen tun kann. Demonstrieren? Natürlich. Vor einer CDU-Zentrale stehen, wenn sie wieder eine Grenze nach rechts verschiebt? Auch. Aber reicht das?
Der wirksamste Protest wäre, einfach nicht mehr mitzumachen. Wenn all diejenigen, denen immer wieder vermittelt wird, sie gehörten nicht wirklich zu diesem Land, ihre Arbeit niederlegen würden. Wenn Ärzt:innen und Pfleger:innen, Menschen auf Baustellen, in Restaurants, Geschäften, Lieferdiensten, Büros und Fabriken einfach nicht mehr zur Arbeit kämen.
Wenn sichtbar würde, wie viele der Menschen, deren Zugehörigkeit ständig infrage gestellt wird, dieses Land jeden Tag am Laufen halten.
Genau das haben Menschen in Magdeburg kurz vor der Wahl ausprobiert. Beim sogenannten Migra-Streik schlossen migrantische Gewerbetreibende für mehrere Stunden ihre Geschäfte. Restaurants, Kioske und Barbershops blieben zu. Sie wollten zeigen, was fehlen würde, wenn sie nicht mehr da wären.
Diese Menschen haben einen Anfang gewagt. Sie haben gezeigt, dass Arbeitsniederlegung möglich ist. Im Kleinen, für ein paar Stunden, in einer Stadt. Und das ist mindestens genauso wichtig wie die Angst, die gerade viele von uns haben: Der Wille zum Widerstand. Er ist da.
Jetzt müssen wir größer denken. Was würde passieren, wenn aus ein paar Stunden in einer Stadt ein Protest an vielen Orten würde? Wenn diejenigen, über deren Zugehörigkeit ständig verhandelt wird, gemeinsam zeigen, welche Macht sie haben? Vielleicht geht es genau darum: nicht nur sichtbar zu sein, sondern Verhältnisse tatsächlich unter Druck zu setzen. Ich habe Angst. Aber ich will mich von dieser Angst nicht lähmen lassen.
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Derya Türkmen, lebt in Berlin und arbeitet als Journalistin bei der taz, Tageszeitung. Am liebsten schreibt sie über gesellschaftliche Themen und beschäftigt sich mit der türkischen Diaspora.
[Erschienen im Theaterhaus Programmheft Oktober 2026]
