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                      Portraifoto Derya Türkmen

                      Meine Meinung

                      Portraifoto Derya Türkmen

                      Erst kürzlich geriet ein Freund von mir in Panik, weil ich den Plastikmüll versehentlich in die falsche Tonne warf. „Was sollen denn die Nachbarn denken?“, fragte er — halb im Scherz, halb im Ernst. Er ist halb Kroate, halb Italiener, in Deutschland geboren, und achtet penibel auf Mülltrennung, Hausordnung, Ruhezeiten. Nicht aus übertriebener Korrektheit, sondern aus Gewohnheit. Aus Vorsicht. Aus dem Wissen heraus, dass Auffallen selten ein Privileg ist.

                      Ich kenne dieses Verhalten gut. Es ist diese stille Disziplin, die viele von uns teilen. Die Sorge, negativ aufzufallen. Die Angst, dass ein kleiner Regelbruch plötzlich größer gelesen wird, als er ist. Ein falsch entsorgter Joghurtbecher wird dann nicht einfach zum Fehler, sondern zum Beweis — für Unordnung, Respektlosigkeit, Nicht-Dazugehören.

                      In solchen Momenten wird mir klar, wie tief diese Logik reicht. Ordnung ist kein Tick, sie ist ein Schutzschild. Anpassung keine Charaktereigenschaft, sondern eine erlernte Überlebensstrategie. Während mein Freund den Müll noch einmal sortiert, fast schon entschuldigend, denke ich daran, wie lange diese Haltung schon weitergegeben wird — leise, beiläufig, von Generation zu Generation.

                      Mein Großvater kam 1970 nach Deutschland, lange bevor irgendjemand in meiner Familie ahnte, was dieses Land einmal für uns bedeuten würde. Er kam als sogenannter Gastarbeiter — ein Wort, das Nähe verspricht und Distanz meint. Gast sein durfte man, bleiben nur unter Bedingungen. Gebraucht war er, willkommen eher nicht. „Wir“ waren immer die anderen.

                      In den Erzählungen meiner Familie ist mein Großvater deshalb nie ganz angekommen. Er ist immer in Bewegung, sitzt selten, ruht kaum. Seine Hände tragen die Spuren der Arbeit, seine Schultern einen Körper, der gelernt hat, still zu werden, wenn Erschöpfung kein Argument ist. Er sprach wenig über das, was ihn innerlich bewegte. Aber wenn er von der Arbeit erzählte, lag darin keine Wahl, kein Wunsch. Nur Notwendigkeit. Pflicht.

                      Für ihn — und für die sogenannte Gastarbeitergeneration — war Arbeit weit mehr als ein Mittel zum Lebensunterhalt. Sie war seine Aufenthaltserlaubnis, sein Argument, seine Daseinsberechtigung. Zugehörigkeit war an Leistung geknüpft. Wer arbeitete, durfte bleiben. Wer arbeitete, zählte. Und er glaubte daran, weil es keine Alternative gab.

                      Auch meine Eltern wuchsen mit diesem Gedanken auf. Sie lernten früh, dass Zugehörigkeit nichts Selbstverständliches ist. Nichts, das man einfach besitzt. Sie muss immer wieder neu bewiesen werden — durch Leistung, durch Disziplin, durch ein ständiges Mehr. Begleitet von dem Gefühl, niemals genug zu sein, selbst dann nicht, wenn längst mehr gegeben wurde, als eigentlich möglich war.

                      Eine Generation später stehe ich hier. Mit mehr Worten als mein Großvater, mit mehr Möglichkeiten als meine Eltern. Und trotzdem begleitet mich dieser Satz wie ein leiser Befehl: Du gehörst dazu, wenn du arbeitest. Wenn du dich anstrengst. Wenn du dankbar bist.

                      Ich spüre dieses Erbe im Alltag. Wenn ich länger bleibe, obwohl niemand es verlangt. Wenn ich E-Mails noch spätabends beantworte, um nicht als schwierig zu gelten. Wenn ich Texte doppelt prüfe, weil Fehler mir weniger verziehen werden. Wenn ich mich erkläre, noch bevor jemand eine Frage gestellt hat. Es ist dieser Reflex, immer ein bisschen mehr zu leisten — schneller, gründlicher, leiser. Weil irgendwo in mir die Stimme sitzt, die sagt: Du wirst gemessen. Immer.

                      Manchmal trage ich das Jackett meines Opas, wenn ich in die Redaktion fahre. Es ist das eine gute, das er früher nur anzog, wenn es um etwas Wichtiges ging — Hochzeiten, Behördentermine, Bewerbungsgespräche. Der Stoff ist schwer, aber vertraut. Er erinnert an all die Wege, auf denen Schweigen sicherer war als Fragen.

                      Meine Arbeit ist eine andere als seine. Ich sitze am Schreibtisch, schreibe Texte, stelle Fragen, formuliere Widerspruch. Und trotzdem begleitet mich dieses Gefühl, mehr leisten zu müssen, um nicht infrage gestellt zu werden. Als müsste Zugehörigkeit auch heute noch verdient werden — nur mit anderen Mitteln. Nicht durch Muskelkraft, sondern durch Genauigkeit, Anpassung, ständige Bereitschaft.

                      Vielleicht ist das etwas, das wir übernommen haben. Dieses leise Wissen, dass Anerkennung nie selbstverständlich ist. Dass man immer ein bisschen genauer hinschaut, ein bisschen vorsichtiger auftritt, ein bisschen mehr gibt als nötig.

                      Und ein Teil von mir steht dabei noch immer neben ihm, meinem Opa. Irgendwo in einer frühen Morgenluft, die nach Arbeit riecht. Wir hören denselben Satz. Er trug ihn als Pflicht. Ich trage ihn als Erinnerung.

                      [Erschienen im Theaterhaus Programmheft Februar 2026]

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