Rede von Adrienne zur Verleihung der Bürgermedaille
Hallo und guten Abend, ich darf Sie herzlich begrüßen, werte Dekorierte und Offiziöse von Stadt und Land, lieber Werner Schretzmeier, lieber Eric Gauthier, verehrtes festes und assoziiertes Theaterhaus-Team, Gäste, Verwandte und Anverwandte, Weggefährten und Mitstreitenden, Finanziers - und vor allem Fans des Stuttgarter Theaterhauses – zu denen ich mich definitiv dazurechne. Und deshalb kann ich heute meinem zwiespältigen Ruf als knallharte Kritikerin des Stuttgarter Kulturlebens mit bestem Gewissen gerecht werden.
Und dieses Kulturleben, das ich zu Beginn meiner journalistischen Tätigkeit kennenlernte, war ein konservatives. Es ging um Hochkultur, um Prestige und Exzellenz – und im Kulturteil, der noch Feuilleton hieß, regierten Kennerschaft und Spezialistentum. Man unterschied strikt man zwischen E und U, also der wahren Kultur und Entertainment, das bestenfalls für den Lokalteil taugte.
Die Kulturlandschaft in Baden-Württemberg blühte in den 1980er, 90er Jahren immer köstlicher. Viele neue Einrichtungen entstanden – wohlgemerkt solide Tanker, Institutionen, die durchaus mit strategischem Hintersinn initiiert wurden. Die Neue Staatsgalerie sollte als vermarktbares Wahrzeichen den Tourismus anfeuern, die Akademie Schloss Solitude die Internationalität des Landes in die Welt tragen. Die Filmakademie sollte Film und Wirtschaft verbinden und das ZKM in Karlsruhe - über den Umweg der Kultur – die technologische Innovationskraft des Landes vermitteln.
Und in diesem Klima, in dem Kultur in erster Linie als Standortfaktor verstanden wurde – macht da in Wangen das Theaterhaus auf, ein Alternativbetrieb – wobei „alternativ“ nicht nur positiv konnotiert war. Rebellisch, mit Musik, freiem Theater - und ohne Krawattenzwang. Eher links, was von vornherein verdächtig war. Auch kein architektonisches Juwel mit Designermöbeln von Mies van de Rohe oder Le Corbusier, sondern eine alte Glasfabrik, in deren Foyer ein grüner Urwald wuchs.
Der Verein, den Gudrun und Werner Schretzmeier mit Peter Grohmann 1984 gegründet hatten, war die Reaktion auf ein Verständnis von Kultur, das sich ab den 60er Jahren entwickelt hatte und zunehmend Raum und Sichtbarkeit beanspruchte: Kultur für alle und als Werkzeug, um Politik, Gesellschaft, mitunter auch sich selbst kritisch zu reflektieren. Aus diesem Geist heraus hatte Werner Schretzmeier, der als Regisseur und Autor beim SDR arbeitete, bereits die Manufaktur in Schorndorf gegründet.
Dass auch in Stuttgart Bedarf an solcherlei Kulturprogramm bestand, zeigte ein Testlauf, als zu zwei Konzerten des United Jazz und Rock Ensembles in der noch nicht umgebauten Fabrik 2000 Menschen kamen – und also selbst ein so abgelegener Standort zu funktionieren schien, obwohl, um es mit den Worten von Werner Schretzmeier zu sagen, „uns viele für absolut bescheuert hielten“.
Den Anfang machte privates Geld, dass man dann irgendwann auch öffentliche Mittel bekam, war dem Erfolg geschuldet, aber auch dem diplomatischen Geschick von Werner Schretzmeier – manche nannten das auch Trickserei. Aber wer weiß, ob es ohne seine trickreiche Diplomatie das Theaterhaus heute so noch gäbe.
Dass diese andere Kultur nicht nur eine Nische war, zeigte das breite Programm – Theater und Konzerte, Kabarett und Poetry Slam, das Materialtheater, Die kleine Tierschau oder Tanz mit Ismael Ivo – gern auch als Gemischtwarenladen abgetan.
Aber 1988 konstatierte Wolfgang Milow, der die Kulturgemeinschaft leitete, dass Werner Schretzmeier mit dem Theaterhaus einen Prototyp für das Stadttheater der Zukunft erfunden haben könnte.
Tatsächlich erfüllt das Stadttheater heute einige der Visionen, mit denen das Dreiergespann damals antrat: ein Angebot, das den Menschen die Angst vor der befremdlichen Kultur nimmt. Keine ideologische Trennung zwischen E und U. Auch eine Aufweichung der starren Gattungsgrenzen - und Zusammenarbeit, formal wie organisatorisch.
Es gibt ja pauschale Vorstellungen, wie Städte ticken – Hamburg ist kühl, Berlin ist hip. Aber woran macht man das fest? Ich glaube, die Kultur ist ein guter Spiegel, um eine Stadt besser zu verstehen. Und so, wie das legendäre Ballettwunder lange als Aushängeschild schlechthin für ein bestimmtes Verständnis von Kultur stand, so hat das Theaterhaus den Charakter von Stuttgart maßgeblich geprägt.
Der Umzug hier in die Rheinstahlhalle 2003 ist Ausdruck eines grundlegenden Mentalitätswandels. Aus dem alternativen Schmuddelkind wurde plötzlich das „Kulturflaggschiff“ der Landeshauptstadt, überregional wahrgenommen, bewundernd, zum Teil auch kopfschüttelnd, Stichwort: Sporthalle.
Wie viele habe auch ich damals gedacht: Warum in aller Welt braucht ein Theater eine Turnhalle? Heute wissen wir, wie gefährlich Gräben für eine Gesellschaft sind – und diese Halle wollte nicht nur einen Bogen zwischen Sport und Kultur schlagen, sondern vielmehr zwischen bolzenden Teenagern und den Mitarbeitenden der DaimlerChrysler Bank.
Schaut man zurück, stellt man fest, wie erstaunlich visionär Werner Schretzmeier und sein Team waren. Man könnte viele Beispiele nennen, herausragend ist sicher das Schauspielensemble, mit dem er als Regisseur ein völlig neues Format innerhalb der Bühnenlandschaft entwickelte. Statt von oben herab zu dozieren oder ästhetische Pirouetten zu drehen, verhandelte man hier nun aktuelle, gesellschaftliche Themen, die nah an der Lebenswirklichkeit waren – und so aufbereitet, dass sie niederschwellig zugänglich waren, ohne dabei flach zu sein.
Dass die Produktionen ästhetisch keine Abstriche machten, war vor allem Gudrun Schretzmeier zu verdanken, einer hochtalentierten Bühnen- und Kostümbildnerin. Ein Glücksgriff, dass sie, die so erfolgreich Filmkarriere machte, für die Produktionen ohne gigantische Etats kluge wie sinnliche Lösungen fand.
Wie erfolgreich dieses Theaterkonzept war, zeigte allein „Dirty Dishes“, das 24 Jahre lang gespielt wurde. Das muss man erst einmal nachmachen.
„Wenn im Theater ein Darsteller die Sprache nicht richtig beherrscht“, schrieb die Stuttgarter Zeitung 1998, „dann ist es mitunter etwas mühsam, ihnen zu folgen, ungewöhnlich ist es in jedem Fall.“ Tja, das war ich, die ja auch aus der klassischen Bühnentradition kam und staunte über dieses internationale Ensemble, bei dem einige SchauspielerInnen bei Probenbeginn nicht ein Wort Deutsch sprachen.
Während wir Feuilletonisten noch dem Verlust eines exquisiten Bühnendeutschs hinterher weinten, entstand da auch ein Theater, das gesellschaftspolitisch konstruktiv wirken wollte. Die Internationalität dieses Ensembles war ein ungeheuer kluger Schachzug, denn die vielen Jugendlichen mit Migrationshintergrund fühlten sich erstmals im Theater ernst genommen. Wenn im Aufklärungsstück „Was heißt’n hier Liebe“ türkischstämmige Schauspieler auf der Bühne standen, konnten sie sich plötzlich identifizieren.
Im Theaterhaus waren Diversität, Nachhaltigkeit und Inklusion schon selbstverständlich, als das Schlagwort Willkommenskultur noch nicht jede Sonntagsrede garnierte.
Auch die Idee einer zweiten Ballettkompanie für Stuttgart kam nicht aus dem verbreiteten Denken, dass eine Stadt gar nicht genug Kultur haben kann, immer mehr Programm bieten muss – auch, weil die Politik stärker auf die Auslastungszahlen schaute und man zwangsläufig expandierend musste.
Eric Gauthier kam aus dem renommierten Stuttgarter Ballett, aber wollte nicht mehr nur Bewegung um der Bewegung willen machen, sondern diese Nischenkultur aufbrechen, vielleicht auch, weil er zu viele Talente hatte, die er im klassischen Format nicht annähernd einbringen konnte.
Denn Eric Gauthier ist nicht nur Tänzer, Choreograf und Musiker, sondern auch eine begnadete Rampensau, als die er die Menschen mitnehmen kann - im positive Sinne. Mit seinem Motto „Tanz für alle!“ schaffen er und die Kompanie es immer wieder, in verschiedensten Kontexten Gemeinschaftsgefühl zu wecken. Ein Gemeinschaftsgefühl, das nicht nur die Gräben für den Moment überwindet, sondern v.a. diesem falschen Wir-Gefühl etwas entgegenhält, das so gern von rechts aufgerufen wird, um in Wahrheit aggressiv zu spalten und das „Wir“ gegen „die Anderen“ auszuspielen.
Mich persönlich hat besonders beeindruckt, dass Eric Gauthier von Beginn an mit einem wahrlich ungewöhnlichen Anliegen antrat. Sie wissen es vielleicht, dass er durch seinen Vater, einen Alzheimer-Forscher, von früh auf Kontakt zu Menschen mit Demenz hatte – und es ihm ein Herzensprojekt wurde, mit dem Gauthier Dance Mobil in Pflegeheimen für die Menschen zu tanzen. Damit zog auch in Stuttgart endlich ein Kulturverständnis ein, das etwa in angelsächsischen Ländern eine lange Tradition hat: dass Kultur mehr vermag, als nur ästhetischen Genuss zu bieten.
Ich kann klar sagen: Das Theaterhaus hat meine Werte, meine Ideale und mein Verständnis von Kultur grundlegend geprägt, diese Vorstellung einer Kultur auf Augenhöhe, die nicht elitär ausschließt, sondern ihr Publikum mit offenem Herzen empfängt. Und ganz nebenbei geht es definitiv auch auf Werner Schretzmeier zurück, dass ich heute sogar überzeugt bin: Es gibt Wichtigeres als perfektes Deutsch – und das nicht nur auf der Bühne.
Und deshalb möchte ich auch ganz persönlich Danke sagen, dass das Theaterhaus mir in all den Jahren so viele Impulse gegeben und meine mitunter bornierten Vorstellungen erschüttert hat. Danke, lieber Werner Schretzmeier, lieber Eric Gauthier, Danke Peter Grohmann und in Memoriam Gudrun Schretzmeier, Danke dem Team und all den Kumpels und Weggefährten, Mitstreitenden, Unterstützern und FörderInnen für ihr Engagement im Theaterhaus. Denn ohne das wäre Stuttgart heute nicht die tolerante und sympathische Stadt, die sie hoffentlich noch lange bleiben wird.